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Das Buch

Das Ende der Aufmerksamkeitsökonomie und was danach kommt

Das Ende der Aufmerksamkeitsökonomie und was danach kommt

Wem vertraust du deine Fragen an, die dich gerade bewegen?

Ich meine die, die du keiner KI stellst.

Stellst du sie deinem Partner oder deiner Partnerin, falls du in einer Beziehung bist? Oder der besten Freundin oder dem besten Freund? Deinen Eltern? Deiner Therapeutin, deinem Therapeuten? Coach oder Influencer*in?

Es sind wohl Menschen, wie es mir in der Aufzählung gerade scheint.

Und damit wir überhaupt ins Fragen kommen, aktivieren uns Millionen Menschen mit ihrem Coaching-Business-Modell über Social-Media-Plattformen mit den Fragen wie “Was beschäftigt dich aktuell am meisten?“ oder “Willst du mehr Kunden und Umsatz?“. Einmal schön frisiert und mit Strand im Hintergrund, einmal in “professionell“ mit toughem Ton, weil soll ja kompetent rüberkommen.

Die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne auf einem digitalen Bildschirm liegt laut Untersuchungen von Professorin Gloria Mark an der University of California, Irvine, bei 47 Sekunden (2023 gegenüber 2,5 Minuten im Jahr 2004). Überraschung(!), nix Goldfisch. Source: University of California - Can’t Pay Attention? You’re Not Alone

47 Sekunden mag nun noch lange erscheinen, im Vergleich zum viel zitierten, wissenschaftlich nicht belegten Goldfisch-Mythos (8 Sekunden), aber was mich viel mehr interessiert: sie sinkt. Was ist denn da los? Jaja, schon klar, mehr Distraction, Überangebot, Überreizung. AH! Da ist es…das “Über“.

Was, wenn das “Über” das Ende bedeutet?

Denn wenn keiner mehr weiss, wo hinschauen, hinhören oder hinlesen vor lauter “HIER! HIER! HIER!“, ist irgendwann Schluss. Die KI hat das völlig ad absurdum geführt. Mehr geht ned. Die Content-Völlerei durch KI hat die Aufmerksamkeit so maximiert, dass wir uns anfangen abzuwenden. Es nährt nicht mehr. Es kickt nicht mehr. Es verbindet nicht mehr. Im Gegenteil. Mehr ist eben nicht immer mehr. Irgendwann stagniert es nicht nur, sondern es baut ab. Auch beobachtbar in der Natur.

Genau das wollten wir aushebeln. Es soll nie stagnieren. Dass “zu viel” noch immer gut geht und das “immer mehr” okay ist. Hat nicht funktioniert. Also schon … bis zum Tipping Point.

Die Aufmerksamkeitsökonomie ist am Ende. Alle sind müde vom Feed. Ich auch. Der Feed ist ein abgeerntetes Feld. Darum bin ich raus aus LinkedIn nach 21 Jahren, Facebook schon lange raus, X sowieso, Insta nur noch, wenn ein Link kommt, alle paar Wochen gesammelt. TikTok nie gestartet. YouTube nur on demand.

Substack scheint mir wie ein Alternativuniversum. Obwohl es auch einen Feed hat, Likes. Die “Ich mach dich reich mit Substack“-User block ich gleich und somit ist mein Feed ein ganz schöner Mix. Bislang.

Und wie ist es denn bei mir? Schreib ich hier für Aufmerksamkeit? Nein, ich schreibe für Resonanz! Weil über Resonanz komme ich vielleicht mit Menschen in Kontakt. Vielleicht gibt es was zu lernen, zu erfahren oder zum Drübernachdenken.

Zurück zur grossen Bühne: Mit der KI ist Wissen nun noch “gratiser” geworden, und alle können alles Wissen irgendwie verwursten. Und wir dachten, dass wenn ja nun alle alles wissen, mit LAUT was zu reissen wäre. True! Mit Ablaufdatum. Das wollten wir aber nicht wahrhaben.

“Folge dem System XY und du…”

Die Systeme sind überhitzt und wollen gefrässig immer noch mehr Aufmerksamkeit, geschürt durch Unsicherheiten wie “Der Link direkt im Post bedeutet -25% Reach“. Befeuert wird das Ganze vom Business mit der Hoffnung: “Wenn du das richtige System hast, dann…”. Nachdem Menschen horrende Summen investiert haben und nur die wenigsten tatsächlich 4 Stunden pro Woche von Bali aus arbeiten, merken auch die Spätzünder: “Hier stimmt doch was nicht!“

Die Ressource Aufmerksamkeit sinkt nicht nur, weil so viel los ist, sondern weil das alles saufad ist. Für die Seelenlosigkeit der KI gibt es den Begriff “uncanny Valley“, also konkret, wenn ein Robo so sehr auf Mensch macht, aber keiner ist und wir Menschen irgendwann dieses Gefühl bekommen: Da stimmt was nicht – das ist “uncanny Valley“.

Uns wird einfach schummrig, weil unsere Aufmerksamkeit begrenzt ist, der Output von KI aber unendlich. Und wenn uns die KI-Texte irgendwann komisch vorkommen und sie uns vor allem etwas genommen haben, statt uns zu nähren, dann kommt ein neuer Player in die Leere.


Jede Wirtschaft ist nach dem benannt, was gerade fehlt. Land. Kapital. Aufmerksamkeit. Niki, meine Frau, hat mir wieder mal einen Post zugespielt von wisdom.economy auf Insta, der behauptet, die nächste Knappheit sei schon da. Ich glaub, er hat recht.

Wenn also Aufmerksamkeit tot ist…was wird nun als Nächstes kommen und wertvoller?

Genau da wird’s spannend.

Was jetzt nämlich knapp wird…Trommelwirbel… ist…Präsenz.

Ja! Jemand, der neben mir sitzt. Ein Mensch.

Und ich schreib Präsenz absichtlich nicht versal. Denn Präsenz ist. Und “Sein” wird gross! Gemeinsam sein. Präsenz braucht keine Aufmerksamkeitsökonomie.

Aus der Traumaarbeit weiss man: Retraumatisierung passiert, wenn man aus dem Kontakt geht, aus dem gemeinsamen Sein. So kraftvoll ist gemeinsam sein.

Prozessarbeit ist immer Kontakt, der nährt, Wachstum ermöglicht, Heilung bringt. Wahrhaftige Begegnungen mit einem Freund oder einer Freundin nähren. Das Bezeugtwerden in seinen aktuellen Themen und das Navigieren darin. Dieses bestätigende Lächeln, diese kleine Berührung am Arm, dieses Mitausatmen. Hier wird es wahrhaftig menschlich.

Das ist die Schönheit des Menschseins. Das Mitschwingen, nicht das Erledigen einer Nachahmung. Das macht uns Menschen einzigartig. Kontakt mit Berührbarkeit.

In meinem Buch “Lebendig leisten statt tot arbeiten“ schreib ich:

„Ich fühle mich lebendiger, wenn ich mich wahrgenommen fühle, ohne mich verstellen zu müssen.”

Ich nenn das, was gerade entsteht, die Präsenzökonomie.

Sie wächst dort, wo jemand lange genug da bleibt. Aber am Anfang steht für mich das Dasein. Und in der Aufmerksamkeitsökonomie haben wir Absenz geübt. Nicht da sein.

Und ich trau mich, noch einen Schritt weiterzugehen. Wenn ich ganz präsent bin, spür ich eine Verbundenheit mit etwas Grösserem. Ist das etwa das Göttliche? Und das stellt uns keine Maschine her.

Ich nenne diese Verbundenheit „Survival of the Conscious“. Es geht dabei nicht darum, wer bewusster oder präsenter ist. Es geht darum, dass wir Verbundenheit kultivieren, mit uns, miteinander und mit diesem Planeten. Nur so leben wir hier gemeinsam weiter.

Die Landwirtschaft hatte Bäuer*innen. Die Industrie hatte Ingenieur*innen. Die Aufmerksamkeitsökonomie hatte Influencer*innen. Die Präsenzökonomie braucht Wegbegleiter*innen. Menschen, denen andere ihre wirklichen Fragen anvertrauen.

In der Gestalttherapie sagen wir: Kontakt ist die Basis für Veränderung.

Kontakt passiert im Hier und Jetzt, zwischen zwei Menschen.

Ein Prompt kann mir sagen, was ich tun könnte. Bezeugen, wie ich es tue, kann er nicht. Dafür braucht’s ein wahrhaftiges Gegenüber.

Die KI-Leere nach einer psychologischen Befragungsrunde kennst du vielleicht auch. Gelaber-Völlerei mit Wissen drin, aber ein entscheidender Faktor fehlt: die Bezeugung eines Menschen. Dass ich auf einer Suche bin, dass ich um einen Schritt ringe, dass ich Wachstumsschmerzen habe. Mich nährt es nicht, innert Millisekunden eine Einordnung zu haben, mit einem weiterführenden Link und der Unsicherheit, was daran nun halluziniert ist. Ein Mensch dagegen schaut mich während des Gesprächs an, hält den Raum, signalisiert mit Mikrogestik Mitgefühl usw.

You get the point.

Bei LEGO Serious Play (ja, das mach ich u.a. beruflich) seh ich das immer wieder. Die Hände bauen etwas, und plötzlich sagt jemand einen Satz, den er so noch nie ausgesprochen hat. Kein Chatbot hätte ihn dorthin geführt. Erst durch das Erleben kommen diese Erkenntnisse. Erfahren ist mehr als Wissensvöllerei. Weit mehr.

Für uns Vielfalter:innen ist das eine ziemlich gute Nachricht. Unser neurospicy Wahrnehmungssystem merkt früh, wenn etwas kippt. Was lange als „zu viel“ galt, wird gerade gebraucht. Und nein, nicht schon wieder als Superpower. Ganz einfach als Fähigkeit, die Momentum bekommt.

Auf etwas hab ich schon jetzt keine Lust und hoffe, dass es uns erspart bleibt: dass auch die Präsenz gleich wieder maximiert, skaliert und ausgebeutet wird. Präsenz im Abo, Präsenz als KPI, als Business-Modell.

Meine Hoffnung: Präsenz lässt sich sauschlecht maximieren und wird trotzdem oder gerade deswegen ihre Kraft entfalten: The future is analog! Präsenz wird in analogen Formaten wie Gatherings, Retreats, Weekends, Wohnformen, Lebensformen massgeblich als Kontaktnahrung blühen.

HÄNS, mein innerer Kritiker (ich hab schon mal eine Note dazu geschrieben), findet übrigens, ich soll mir nicht so viel einbilden. Danke, HÄNS. Notiert. Auch er will immer wieder zwischendurch Aufmerksamkeit. Auch das ist inflationär. Und seit ich ihn benenne und sein Zeug aufschreibe oder gar ausspreche, wird er stiller. Aufmerksamkeitsökonomie mit “Überaufmerksamkeit“. Puff. Implodiert. Interessant, nicht?

Ich war über 30 Jahre Unternehmer. Meine Arbeit läuft heute auf eine einzige Sache hinaus: Ein Mensch ist da für einen anderen Menschen. Das ist meine ganze Ökonomie. “Skalierbar” ist sie so weit, dass es ein gutes Leben ermöglicht, indem man einen erfüllenden Beitrag zur Menschheit leistet. Das ist es. “The Economy of Enough”. Eine weitere interessante Ökonomie. Aber darüber hier vielleicht ein andermal mehr.

Wenn du bis hierher lesen mochtest: Ich würd mich über Kontakt freuen, von dir zu lesen, wem du deine wirklichen Fragen anvertraust, welche Gedanken du dir zu Präsenz machst oder was aus dem Text bei dir resoniert. Im 1:1-Chat oder auch gern als Kommentar fürs gemeinsam mit einem Thema sein.

Ich bin hier. ✨